WEEKLY TOPIC #08 - ENDLICH VERGESSEN? - Die Erinnerungskultur

Letzte Woche war der Gedenktag für die Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. 75 Jahre ist es her. Und auch jetzt kam es immer wieder zu Forderungen in Kommentarspalten und Diskussionen, dass „irgendwann ja auch mal Schluss sein muss“.

„Die heutige Generation hätte keine Schuld“ und es muss aufhören, dass einem „Schuldgefühle“ eingeredet werden. Was ich mich dabei frage ist: Woher kommen diese Forderungen? Es wird keineswegs versucht der heutigen Generation Schuld zu vermitteln. Worum es bei der Erinnerungskultur eigentlich geht klären wir heute.

Wenn es dich stört, dass regelmäßig an die Gräueltaten der NS-Zeit erinnert wird, scheinst du die vergangene Geschichte nicht verarbeitet zu haben, sondern möchtest sie verdrängen. Tatsächlich existiert der Wunsch nach einem Schlussstrich bereits seit Ende des Nationalsozialismus. Bis in die 1960er Jahre wurde das Thema auch tatsächlich öffentlich ignoriert. Die Entnazifizierung nach Kriegsende wurde schlichtweg nicht konsequent durchgeführt und hat nicht funktioniert. Viele Funktionäre behielten ihre Stellen im öffentlichen Dienst.

Täter und Mittäter wurden kaum bis gar nicht zur Rechenschaft gezogen. Forschungsergebnissen zufolge waren 250.000 direkt am Holocaust beteiligt, während mindestens 5 Millionen Menschen direkt davon profitierten und somit als Mittäter gelten. Bis heute sind von rund 170.000 Beschuldigten nur knapp 7.000 Menschen verurteilt worden.

Ein Grund hierfür ist beispielsweise ein im Jahr 1968 verabschiedetes Gesetz. Dies beinhaltete neue Regelungen für Bagatellstraftaten, also strafbare Handlungen mit geringfügigem Schaden. Allerdings ergab sich auch eine Verjährungsfrist für Kapitalverbrechen von 15 Jahren, wodurch viele Prozesse gegen NS-Täter eingestellt werden mussten. Zwar wurde diese Regelung für die Taten des Nationalsozialismus später abgeändert, so ist es in Deutschland aber nicht möglich 2-mal für die gleiche Tat angeklagt zu werden. Alle damals laufenden Prozesse waren also nichtig. Ob dieser Umstand damals provoziert wurde, oder tatsächlich unbewusst passiert ist, ist bis heute umstritten. Jedenfalls behinderte es die Aufarbeitung der NS Zeit auf öffentlicher Ebene.

Wenn man jetzt fordert „Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein“ frage ich mich, wann hat es denn überhaupt mal angefangen? Oft weiß man auch nicht was die eigene Familie während dieser Zeit tatsächlich gemacht hat. Wie gesagt, 5 Millionen Menschen haben direkt profitiert.

Auf persönlicher Ebene möchten laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung 81% der befragten Deutschen den Holocaust hinter sich lassen. Allerdings sagen nur 22% der Befragten Israelis das Gleiche. Warum sollten wir nun darüber entscheiden, wann nicht mehr über ein so großes Verbrechen gesprochen wird?

Noch nie wurde zu einem geschichtlichen Aspekt eines Landes gesagt „Ach, das vergessen wir jetzt mal, wir sollten uns auf die Zukunft konzentrieren“, warum sollte das jetzt bei dem größten systematischen Massenmord getan werden?

Versteht mich nicht falsch, keiner muss sich heute persönlich schuldig fühlen für die Dinge, die damals passiert sind. Es ist allerdings unsere historische Verantwortung als Gesellschaft, an die Taten zu erinnern, sodass so etwas nicht noch Mal passieren kann.

Selbstverständlich ist das Thema noch deutlich vielschichtiger, in weiteren Videos werden wir diese Thematik noch weiter behandeln. Wir müssen uns allerdings die Frage stellen warum die Erinnerungskultur zwar verankert ist, aber niemand so recht darüber sprechen will. Und warum es vielleicht gerade so wichtig ist zu erinnern, was nach dem Nationalsozialismus alles NICHT passiert ist.

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